Beherrschbare Risiken?
Über technologische Innovationen in der Landwirtschaft
Wir stehen vor der größten Transformation des globalen Ernährungssystems seit der Neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren. Doch bevor wir uns mit den Details befassen – bevor wir über die Genschere CRISPR, über Fleisch aus dem Bioreaktor oder Algenfarmen im Meer diskutieren –, müssen wir einen Schritt zurücktreten. Wir müssen das Fundament legen, auf dem wir diese Diskussion über Zukunftstechnologien führen wollen. Wir brauchen einen Werkzeugkasten für den Umgang mit einer komplexen Welt.
Vom Messer zum Klimawandel
Beginnen wir mit dem Einfachsten: Das Messer ist eine wunderbare Erfindung. Es ist praktisch, um Gemüse zu schneiden, Nahrung zu portionieren und das Überleben zu sichern. Doch das gleiche Objekt, das Leben erhält, kann in der Hand eines Übeltäters zur tödlichen Waffe werden, kann jemanden verletzen oder töten. Das ist die erste, offensichtliche Tatsache im Zusammenhang mit jeder Technologie: Jeder Technologie birgt das Potenzial zum Missbrauch. Wir müssen uns daher bei jeder Innovation auch die Frage stellen: Wie verhindern wir, dass sie auf diese falsche Weise eingesetzt wird?
Aber Technologien haben noch eine zweite, tückischere Eigenschaft. Sie werfen unter Umständen einen Schatten. Sie haben womöglich eine mit ihrem Gebrauch einhergehende negative Nebenwirkung. Nehmen wir das Auto als Beispiel. Es tut genau das Positive, das wir von ihm erwarten: Es bringt uns schnell von A nach B. Wir wollen nicht jedes Mal, wenn wir unsere Großeltern in Salzburg besuchen, fünf Tage lang mit dem Fahrrad fahren müssen. Doch dieser Komfort kommt mit einem Preis. Wir gewöhnen uns an das Sitzen, wir bewegen uns weniger, wir werden womöglich krank. Niemand hat das Auto erfunden, um Fettleibigkeit zu erzeugen. Es ist eine von zahlreichen Nebenwirkungen der Mobilität mit PKWs.
Ein anderes vieldiskutiertes Beispiel ist Klimawandel. Er ist der “Schattenwurf” einer fundamentalen Technologie: Der Nutzung fossiler Brennstoffe zur Energiegewinnung. Niemand wollte die Atmosphäre aufheizen. Dieser Effekt ist die systemische Externalität unserer Wirtschaftsweise der letzten 200 Jahre.
Wann immer wir also eine neue Technologie zur Anwendung bringen wollen, sollten wir diese beiden Fragen sorgfältig untersuchen: Wie verhindern wir deren Missbrauch? Und – fast noch wichtiger – wie verhindern wir das Eintreten der unbeabsichtigten, negativen Nebenwirkungen?
Die Architektur der Sicherheit: Gefahr vs. Risiko
Wenn wir diese beiden Fragen diskutieren, Missbrauch und Nebenwirkungen, müssen wir zwei Begriffe sorgfältig unterscheiden, die in der öffentlichen Debatte oft vermischt werden: Wir verwechseln immer wieder Gefahr (Hazard) mit Risiko (Risk). Eine Gefahr ist wie ein Löwe im Käfig. Er hat das Potenzial, mich zu fressen. Das ist seine Natur. Das Risiko hingegen ist eine Rechengröße: nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass der Löwe ausbricht, multipliziert mit dem Schaden, den er anrichten kann.
Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Risiko zu bewerten. Auf Basis dieser Kalkulatioin können wir danach entscheiden, ob wir den Löwen töten müssen, weil er Zähne hat, oder ob es sinnvoller ist, den Käfig so sicher zu machen, dass das Risiko (im Vergleich zum Nutzen) akzeptabel bleibt.
Bedenken wir in diesem Zusammenhang die friedliche Nutzung der Atomkraft – gewiss, ein ideologisches Minenfeld – aber gleichzeitig ein lehrreiches Beispiel. Die Frage, die wir damals stellten und bis heute stellen müssen lautet: Wenn wir alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben, welches Restrisiko bleibt? Aus der Größe dieses Risikos – potenzieller Schaden mal Wahrscheinlichkeit des Eintritts – müssen wir danach unsere Schlussfolgerungen ziehen.
Aber Achtung: Es reicht nicht, die Sicherheit einer Technologie theoretisch zu postulieren. Es reicht nicht zu sagen: “Theoretisch könnten wir das sicher machen.” Wir müssen implementierbare Vorsichtsmaßnahmen nachweisen. Wir müssen die gesellschaftlichen Pfade demonstrieren können, die diese Sicherheit in der chaotischen Praxis gewährleisten werden. Erst wenn die Sicherheit praktisch “machbar” ist, sollten wir “loslegen”.
Doch die Rechnung ist in Wahrheit noch komplexer. Wir dürfen eine neue Technologie – etwa die Gentechnik auf dem Acker – nicht in einem Vakuum bewerten. Wir müssen vergleichende Risikoanalysen anstellen. Die Frage lautet nicht: “Kann Gentechnik risikofrei eingesetzt werden?” Sie lautet: “Wie hoch ist ihr Risiko im Vergleich zu den – defacto verfügbaren - Alternativen?” Welche Alternativen haben wir und welche “Kosten” sind mit diesen Alternativen verbunden (welche Risiken von Missbrauch oder Nebenwirkungen)? Gibt es alternative Pfade, die wir zuerst ausschöpfen sollten, weil sie weniger Risiko bergen – zum Beispiel, indem wir schlicht weniger tierische Kalorien produzieren, statt den Mais per Genschere resistenter zu machen?
Diese Abwägung dieser Opportunitätskosten ist der Kern jeder seriösen Debatte über Technikfolgen.
Die Grenzen unseres Wissens
Das Hauptproblem bei dieser Art von Kalkulationen ist allerdings unsere Unwissenheit.
Hier sollten wir uns zunächst das sogenannte Collingridge-Dilemma vor Augen führen: In einem frühen Stadium der Entwicklung ist eine Technik noch formbar, aber wir kennen womöglich noch nicht alle ihre Nebenwirkungen. Wenn wir die Nebenwirkungen endlich erkennen (wie beim Verbrennen von Kohle, Öl und Gas), ist die Technik womöglich bereits so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass wir sie kaum noch steuern können.
Doch dieses Dilemma ist nicht das einzige Problem. Selbst bei einer Diskussion unter Top-Experten, sind die meisten Kalkulationen in Bezug auf Gefahren und Risiken mit Unsicherheit behaftet. Und das nicht nur in Bezug auf bekannte Gefahren und Risiken. Bei völlig neuen Technologien kann es Nebenwirkungen geben, die wir unter Umständen noch gar nicht auf dem Radar haben. Selbst Fachleute müssen sich eingestehen, dass es sogenannte “unbekannte Unbekannte” gibt (”unknown Unknowns“).
Diese Unsicherheit, die auf der Ebene des Fachdiskurses in manchen Fällen herrscht, potenziert sich nicht selten auf der Ebene des gesellschaftlichen Diskurses, der in demokratischen Staaten jedoch darüber entscheidet, welchen Weg wir gemeinsam einschlagen. Obwohl wir also gezwungen sind uns diesen Themen zu stellen, müssen wir anerkennen, dass uns deren Komplexität bisweilen überfordert.
Wir müssen unser eigenes Wissen im Vergleich zum Wissen von anerkannten Autoritäten ehrlich einschätzen. Selbstverständlich dürfen wir die Diskussion nicht blind den Experten überlassen. Aber wenn wir nicht wirklich Bescheid wissen, sollten wir Zurückhaltung üben.
Damit wir jedoch mitdiskutieren können – was wir sollten –, müssen wir diese Mitwirkung auf ein Wissensfundament stellen. Wir müssen uns – am besten frühzeitig – die mentalen Werkzeuge aneignen, um komplexe Systeme zu verstehen.
Und wo immer uns das Fachwissen fehlt, müssen wir unsere Informationen aus möglichst zuverlässigen Quellen schöpfen – am besten direkt aus Fachmagazinen. Falls dies unmöglich ist (zum Beispiel aus Zeitmangel) sollten wir seriöse “Übersetzer” konsultieren, Fachjournalisten oder Sachbuchautoren, denen wir vertrauen können, dass sie diese Quellen an unserer statt nutzen und für uns zugänglich machen.
Last but not least sollten wir bei jedem Thema, bei dem wir keine Experten sind, auf jede unserer Aussagen und Einschätzungen ein Etikett kleben, auf dem wir unsere Unsicherheit vermerken und transparent machen.
Tun wir das nicht, droht eine Entwicklung, wie wir sie bei den Covid-Impfungen erlebt haben: Unsere Unfähigkeit zur seriösen Bewertung führt dann zu Polarisierung. Wir irren uns dann kollektiv und auf Basis von Ideologien. Das Resultat ist fatal: Entweder hemmen und verbieten wir eine segensreiche Technologie. Oder wir nehmen – im Gegenteil – eine gefährliche Technologie viel zu sorglos in Betrieb.
Der realpolitische Zwang
Man könnte nun sagen: “Wenn die Einführung neuer Technologien so komplex, unsicher und riskant ist, dann lassen wir doch einfach die Finger davon. Bleiben wir beim Alten!” In der Realität existiert diese Option aber oft gar nicht. Der Umgang mit Technikfolgen wird in diesen Fällen durch das reale Umfeld des Wettbewerbs – innerstaatlich und international – dramatisch erschwert. (Und zwar unabhängig davon, ob wir das gut finden oder nicht.)
Innerstaatlich herrscht die gnadenlose Logik des Marktes. Wenn wir jetzt nicht vorwärtsstürmen und eine effizientere Technologie realisieren, macht es unser Mitbewerber. Wir fallen zurück, werden vom Markt verdrängt und erleben das, was im Kapitalismus das Äquivalent zum Tod ist: Wir gehen pleite. Zwischenstaatlich ist diese Logik noch brutaler. Wenn wir technologisch zurückfallen, wird der Nachbar seine Überlegenheit nutzen. Im schlimmsten Fall sind wir dann seiner Willkür schutzlos ausgeliefert, werden unterworfen und ausgeplündert.
Manchmal müssen wir also neue Technologien vorantreiben, um zu überleben – ökonomisch und politisch. Gleichzeitig sollten wir an neuen Mechanismen arbeiten, die diesen destruktiven Wettlauf einhegen, damit notwendige Sicherheitsstandards nicht einem selbstmörderischen Wettbewerb zum Opfer fallen. Wir müssen rennen, aber wir müssen gleichzeitig versuchen, die Regeln dieses Rennens zu verändern.
Der Fahrplan: Drei Eskalationsstufen der Ernährung
Mit diesem Rüstzeug – dem Wissen um Gefahren und Nebenwirkungen, dem Wissen um die Notwendigkeit der kalten Risikokalkulation, mit epistemischer Bescheidenheit und unter Anerkennung der geopolitischen Realität – blicken wir in den nun folgenden Artikeln auf die Zukunft unserer Ernährung. Mit diesem Rüstzeug und mit Optimismus! Schließlich gibt es ja bereits hochkomplexe Systeme, wie den Schienenverkehr oder die Luftfahrt, die weltweit ausgerollt wurden und nichtsdestotrotz “sicher” betrieben werden. (Technik kann beherrscht werden, wenn man es richtig anstellt.)
Wenn wir nun also Technologien evaluieren werden, die den Druck auf die Natur und unsere Gesundheit reduzieren könnten – werden wir uns an die soeben erarbeiteten Kriterien halten (und ohne ideologische Scheuklappen diskutieren).
Wir gehen dabei in drei Schritten vor:
High Tech Landwirtschaft (Der smarte Acker): Wir beginnen auf dem Feld. Wir betrachten Technologien wie Agri-Photovoltaik, bei der wir Flächen doppelt nutzen (Strom und Nahrung), blicken aber auch auf CRISPR. Dabei müssen wir abwägen: Ist das tatsächlich ein notwendiger Schritt zur Optimierung und Pestizidreduktion? Oder ist es ein “Trojanisches Pferd”, das alte Abhängigkeiten zementiert? Wir wägen die Risiken der Gentechnik gegen das Risiken des Ernteausfalls und den Flächenverbrauches ab.
Landwirtschaft ohne Flächenverbrauch (Die Entkopplung): Dann setzen wir einen radikaleren Schritt. Wir verlassen den Boden. Wir schauen in den Himmel (Vertical Farming) und ins Wasser (die “blaue Landwirtschaft” mit Algen).
Können wir Nahrung produzieren, ohne weiter kostbaren Boden zu verbrauchen? Steht die technische Energie, die wir dafür einsetzen müssen, in einem sinnvollen Verhältnis zur gewonnenen Naturfläche?Protein-Innovationen (Die Substitution): Schließlich der vielleicht kontroverseste Schritt: Wir ersetzen das Tier als Nahrungsmittelproduzenten. Wir sprechen über Insekten als die großen “Müllschlucker” und Recycler im System und über Präzisionsfermentation (Cultured Meat). Wir werden dabei unsere kulturellen Scheuklappen überwinden und nüchtern rechnen: Ist ein Burger aus dem Labor “unnatürlich”? Oder stellt er vielleicht eine rationale Antwort auf die Ressourcenverschwendung der Viehzucht dar?
Wir müssen diese Diskussionen führen. Und wir müssen sie jetzt führen. Nicht mit Angst, nicht mit Euphorie, sondern auf der Basis der bestmöglichen Informationen und mit Verstand.







